
MAGDEBURG – Nur noch wenige Tage bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, und die politische Ausgangslage könnte kaum spannender sein. Die AfD geht nach mehreren aktuellen Erhebungen mit einem außergewöhnlich großen Vorsprung in die entscheidende Wahlkampfwoche. Für die CDU wird die Situation dagegen zunehmend schwierig. Am 6. September könnte Sachsen-Anhalt eine Wahl erleben, deren Auswirkungen weit über Magdeburg hinausreichen.
AfD zwischen 40 und 42 Prozent
Die letzten großen Umfragen zeigen ein bemerkenswert einheitliches Bild: Die AfD ist derzeit mit Abstand stärkste Kraft.
Im Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest dimap erreicht die AfD 42 Prozent, während die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze lediglich auf 22 Prozent kommt. Die Linke folgt mit 11 Prozent, die SPD mit 8 Prozent und die Grünen mit 6 Prozent. BSW und FDP würden mit vier beziehungsweise drei Prozent derzeit den Einzug in den Landtag verpassen.
Auch das aktuelle ZDF-Politbarometer bestätigt den deutlichen Vorsprung. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht die AfD bei 40 Prozent, die CDU bei 23 Prozent, die Linke bei 13 Prozent, die SPD bei 9 Prozent und die Grünen bei 6 Prozent. FDP und BSW liegen dort jeweils bei drei Prozent.
Damit beträgt der Abstand zwischen AfD und CDU je nach Erhebung derzeit 17 bis 20 Prozentpunkte.
Absolute Mehrheit bleibt die entscheidende Frage
Ein Sieg der AfD erscheint nach den derzeitigen Umfragen wahrscheinlich. Wesentlich komplizierter ist allerdings die Frage, ob daraus auch eine Regierungsmehrheit entstehen könnte.
40 oder 42 Prozent der Stimmen bedeuten nicht automatisch 40 oder 42 Prozent der Landtagssitze. Entscheidend wird sein, wie viele kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.
Sollten FDP und BSW den Einzug verpassen, verändert sich die Sitzverteilung zugunsten der im Parlament vertretenen Parteien erheblich. Dennoch sieht insbesondere die aktuelle ZDF-Projektion eine absolute AfD-Mehrheit momentan als eher unwahrscheinlich an.
Genau deshalb könnten wenige Prozentpunkte am Wahlabend darüber entscheiden, ob Sachsen-Anhalt relativ schnell eine neue Regierung bekommt oder vor äußerst schwierigen Koalitionsverhandlungen steht.
CDU auf historischem Tiefstand
Für die CDU ist die Entwicklung besonders problematisch. Die 22 Prozent des Sachsen-Anhalt-Trends entsprechen einem historischen Umfragetief für die Partei im Bundesland. Gegenüber der vorherigen Erhebung verlor die CDU weitere zwei Prozentpunkte.
Damit geht es am kommenden Sonntag nicht nur um Sachsen-Anhalt.
Sollte die CDU tatsächlich rund 20 Prozentpunkte hinter der AfD landen, dürfte das Ergebnis auch eine bundespolitische Diskussion über die Strategie der Union gegenüber der AfD und über die politische Lage der Bundesregierung auslösen.
Merz schaltet sich in den Wahlkampf ein
Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Bedeutung der Wahl inzwischen deutlich hervorgehoben.
Im ARD-Sommerinterview warnte der CDU-Chef davor, dass eine von der AfD geführte Landesregierung ausländische Investoren abschrecken könnte. Internationale Unternehmen könnten seiner Einschätzung nach Investitionen in Sachsen-Anhalt überdenken, sollte ein AfD-Ministerpräsident die Regierung führen. Gleichzeitig betonte Merz, dass die Entscheidung selbstverständlich bei den Wählern liege.
Die AfD wiederum versucht, gerade solche Warnungen als Teil einer Kampagne der etablierten Parteien gegen einen möglichen Regierungswechsel darzustellen.
Damit dürfte sich der Ton in den letzten Tagen des Wahlkampfs noch einmal deutlich verschärfen.
Siegmund gegen Schulze: Bei der Personenfrage sieht es anders aus
Interessanterweise überträgt sich der enorme Vorsprung der AfD nicht vollständig auf ihren Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund.
Das ZDF-Politbarometer kommt bei der Frage nach dem gewünschten Ministerpräsidenten zu einem deutlich anderen Ergebnis als bei der Parteienpräferenz: 48 Prozent bevorzugen Sven Schulze von der CDU, 32 Prozent Ulrich Siegmund von der AfD.
Andere Befragungen sehen beide wesentlich enger zusammen.
Das zeigt eine Besonderheit dieses Wahlkampfs: Ein Teil der Wähler unterscheidet offenbar zwischen seiner bevorzugten Partei und der Person, die anschließend das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll.
Regierungsbildung könnte zum eigentlichen politischen Problem werden
Sollte die AfD stärkste Partei werden, aber die absolute Mehrheit verfehlen, beginnt möglicherweise erst nach der Wahl die schwierigste Phase.
Die anderen großen Parteien lehnen eine Koalition mit der AfD ab. Gleichzeitig hat die CDU auch eine Zusammenarbeit mit der Linken ausgeschlossen. Damit könnte rechnerisch eine Situation entstehen, in der mehrere Parteien ihre bisherigen politischen Grenzen überprüfen müssten oder eine Minderheitsregierung diskutiert werden könnte. (reuters.com)
Genau diese Konstellation macht Sachsen-Anhalt bundespolitisch so interessant.
31 Prozent noch nicht endgültig entschieden
Trotz der klaren Umfrageführung ist das Wahlergebnis keineswegs bereits festgeschrieben.
Nach der Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen wissen 31 Prozent der Befragten noch nicht sicher, wen oder ob sie überhaupt wählen werden. Befragt wurden vom 25. bis 27. August insgesamt 1.053 Wahlberechtigte. (zeit.de)
Damit existiert theoretisch noch erhebliches Bewegungspotenzial.
Hinzu kommt: Wahlumfragen bilden die politische Stimmung zum Zeitpunkt der Befragung ab. Sie sind keine Vorhersage des endgültigen Wahlergebnisses.
Der 6. September könnte bundespolitische Folgen haben
Unabhängig davon, wer am Ende die Regierung bildet, zeichnet sich bereits jetzt eine außergewöhnliche Wahl ab.
Sollte die AfD tatsächlich rund 40 Prozent oder mehr erreichen, wäre das ein politisches Signal weit über Sachsen-Anhalt hinaus. Die Diskussion über den Umgang mit der AfD, die Strategie der CDU und die Stabilität klassischer Regierungsmodelle dürfte anschließend bundesweit neu geführt werden.
Für Bundeskanzler Friedrich Merz wäre ein massiver Absturz seiner CDU besonders unangenehm. Für die AfD wäre ein Wahlsieg dagegen ein weiterer Schritt von der Oppositions- zur möglichen Regierungspartei auf Landesebene.
Doch zwischen Umfragesieg und Regierungsübernahme liegt noch ein entscheidender Unterschied.
Am Sonntag, dem 6. September 2026, entscheiden darüber nicht die Meinungsforschungsinstitute, sondern die Wähler in Sachsen-Anhalt.




